|
||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||
| |
R ü c k b l i c k"Weißbuch-Prozess, Verfassungskonvent, PISA-Studie und die Folgen: Neuer Schwung für die Jugend auch für die Politische Bildung?"Runder Tisch zur politischen Bildung am 25./26.02. 2003 in MünchenBericht - Eindrücke
Seit einem Jahr wird im Europäischen Konvent über die künftige Gestalt der Europäischen Union (EU) debattiert. Die Erklärung von Laeken zur Zukunft der EU vom Dezember 2001 hat als wesentliche Reformziele die weitere Demokratisierung der EU und die Vermittlung des europäischen Projektes vor allem an die Jugend genannt: "Wie können dem Bürger, vor allem der Jugend, das europäische Projekt und die europäischen Organe näher gebracht werden?" Lebenssituation und Erwartungen europäischer Jugendlicher wurden erstmals systematisch im Weißbuch "Neuer Schwung für die Jugend Europas" der EU-Kommission vom November 2001 beschrieben. Als zentrale Themen für die Jugendpolitik wurden darin Partizipation, Information, Freiwilligentätigkeit der Jugendlichen sowie Wissen über Jugendliche identifiziert. Im Rahmen der vereinbarten offenen Methode der Koordinierung sollen die Themen Partizipation und Information prioritär bearbeitet werden. Für das künftige Konsultationsverfahren sind neue Beteiligungsformen sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene vorgesehen. Daraus ergeben sich für die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland und Europa zentrale Fragen, die einer Klärung bedürfen. Sprechen wir vom "neuen Schwung", der durch Konvent und Weißbuch-Prozess für die Jugendpolitik und -arbeit in Europa ausgehen soll, so darf der "PISA-Schock" an dieser Stelle nicht ausgeklammert werden. Geht es um die Frage der Modernisierung der politischen Bildung, so müssen die Ergebnisse der PISA-Studie wie auch der Civic Education Studie in die Diskussion einbezogen werden. Die Herausforderungen, welche sich durch Konvent, Weißbuch-Prozess und PISA für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit ergeben, zu diskutieren und den Diskurs zwischen Verantwortlichen der Politik, der Wissenschaft sowie den in der Praxis stehenden Mittlerinnen und Mittlern der politischen Bildungs- und Jugendarbeit zu fördern, war Ziel des Runden Tischs zur politischen Bildung, der am 25./26. Februar 2003 am Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P) in München stattfand. Veranstaltet wurde er von der Forschungsgruppe Jugend und Europa am C·A·P mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Peter Ruhenstroth-Bauer, Staatsekretär im BMFSFJ eröffnete die Tagung mit einem programmatischen Beitrag zum Weissbuch-Prozess und der Partizipationsförderung Jugendlicher. Die Bundesregierung unterstütze daher den Weißbuch-Prozess, setze sich aber gleichzeitig dafür ein, in Fragen der Jugend- und Bildungspolitik einen "nationalen Raum" zu gewährleisten. Die Lebenswelt junger Menschen ist immer mehr von einem zusammenwachsenden Europa geprägt. Jedoch, so stellte Prof. Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes und Bundestagspräsidentin a.D. in ihrem Statement fest: "Wir stehen in der europäischen Informations- und Bildungsarbeit ganz am Anfang." Ein transnationaler Fachdiskurs müsse geführt werden, damit ein gemeinsames Grundverständnis von politischer Bildung in Europa entsteht, so auch die Ansicht von Dr. Bernd Hübinger, Vizepräsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Europa an Jugendliche vermitteln, so Waltraud Jahn-Hommer, Leiterin der Arbeitsgruppe Europäische Integration des Informations- und Presseamtes der Bundesregierung bedeute vor allem "Lust an Europa" zu machen. Dieses Ziel verfolge das BPA u.a. durch eine breit angelegte Planspielkampagne zur Zukunft Europas. Dass das "Projekt Europa" nur durch die Akzeptanz seiner Bürgerinnen und Bürger erfolgreich Bestand haben kann, unterstrich Marie-Luise Dreber, Direktorin des Internationalen Jugendaustausch- und Besucherdienstes der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB). Die Vielfalt in Europa müsse von jungen Menschen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfunden werden. Interkulturellem Lernen komme daher auch weiterhin eine zentrale Bedeutung zu. "Das, was abstrakt Europa genannt wird, wird bei internationalen Jugendbegegnungen persönlich erfahrbar", so Dreber. Hans Georg Wicke, Leiter der Deutschen Nationalagentur für das EU-Aktionsprogramm JUGEND, ist überzeugt, dass mit dem Weißbuch-Prozess bisher nie da gewesenes geleistet wurde. Man könne zwar nicht von Partizipation, aber von umfangreicher Konsultation der Träger von Jugendarbeit in den Mitgliedstaaten sprechen. Der Weißbuch-Prozess könne damit sowohl inhaltlich als auch methodisch den Anfang für einen Paradigmenwechsel in der europäischen Jugendpolitik markieren. Die Bildungsarbeit vor allem in Deutschland steht allerdings noch vor einem ganz anderen Problem. Die Ergebnisse von PISA haben gezeigt, so Prof. Wolfgang Sander von der Universität Giessen, dass die politische Bildung in Deutschland ihre Innovationskraft wiedergewinnen müsse. Sander sprach sich deshalb im Rahmen der Tagung für eine neue Leistungs- und Lernkultur aus. "Meinung statt Gesinnung": die Erziehung zu politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie die Vermittlung von methodischen Fähigkeiten müsse im Vordergrund schulischer Bildung stehen. Offene Fragen, ernsthafte Aufgaben und selbständiges Lernen müssten den schulischen Alltag ausmachen. Lehrkräfte müssten verstärkt als Lernbegleiter fungieren, anstatt sich einer "Steuerungsillusion" hinzugeben. "Neue Lehrer braucht das Land", so das Fazit von Sander. Aber auch die außerschulische politische Bildung ist vor Herausforderungen gestellt. Ziel politischer Bildung in einer zunehmend entgrenzten Gesellschaft müsse es sein, so Prof. Heiner Keupp, Institut für Sozial- und Gemeindepsychologie der LMU München, junge Menschen zu unterstützen, eine selbstbestimmte Lebenspolitik zu entwickeln ("Empowerment"). Eine Aufgabe, die aber nur gelöst werden kann, wenn die Grenzen zwischen schulischer und außerschulischer Bildung aufgelöst würden. Diese Forderung unterstützte auch Prof. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. und Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes.Jugend- und Bildungspolitik in einem Europa, das zusammenwächst und gleichzeitig immer vielfältiger wird ein weites Feld, das viele Fragen aufwirft und weiter bearbeitet werden muss. Am Ende der zweitägigen Fachtagung herrschte daher Einigkeit darüber,
dass die Jugend- und Bildungsarbeit in Deutschland und Europa vor Herausforderungen
steht, die nur im regelmäßigen Diskurs und Austausch zwischen
allen beteiligten Gruppen Mittlerinnen und Mittlern in der Bildungsarbeit,
Politik und Wissenschaft bewältigt werden können. Die
Tagung wird in einer kleinen Publikation dokumentiert werden. Dem Ziel
eines beständigen Austausches zwischen angewandter Politikwissenschaft
und ihrer Umsetzung in die Bildungsarbeit wird sich die Arbeit der Forschungsgruppe
Jugend und Europa weiterhin widmen. |
|||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||