Ich hab' mich gefühlt wie
ein richtiges Mitglied der EU-Kommission
"Oh
je! Das kann ja was werden", dachte ich, als ich den Titel dieses
im Wochenschau-Verlag in der Reihe "Wissenschaft" erschienenen
Buches mit 250 Seiten Umfang las. "Europäische Komplexität
verstehen?! Wie bitte?", mag mancher denken, "hoffnungslos!
sinnlos! zwecklos! Der Autor beliebt wohl zu scherzen?"
NEIN, Tut er nicht! Viele Leute reden über Europa. Die wenigsten
davon qualifiziert. Der Buch-Autor, Stefan Rappenglück, ist aber
einer derjenigen, die sehr genau wissen, worum es geht, wenn von Europa
und Bildung die Rede ist. Ohne Übertreibung darf man ihn wohl den
"Planspiel- Papst" nennen. Vor allem er war es, der federführend
mit seinem Team der Forschungsgruppe Jugend und Europa ( FGJE) im Centrum
für angewandte Politikforschung (C·A·P) der Universität
München eine Methode für die europapolitische Bildungsarbeit
nutzbar machte, die ursprünglich in militärischen Kreisen entwickelt
und von Wirtschaftsunternehmen übernommen wurden. Der Bildungssektor
hat ein bisschen länger gebraucht, um die Vorzüge des Planspiels
im Schulunterricht zu entdecken - von der Erwachsenenbildung gar nicht
zu reden.
Es geht um die Simulation "Europa neu gestalten - Die Europäische
Union zwischen Vertiefung und Erweiterung." In diesem Planspiel simulieren
vor allem junge Erwachsene europäische Entscheidungsprozesse und
Institutionen. Auf der Basis bestimmter Rollenprofile diskutieren sie
die Mitgliedschaft weiterer Länder der EU und treffen Grundsatzentscheidungen
über die Zukunft EUropas. Kein leichtes Unterfangen... Der Jugendliche
X als Kommissionspräsident Barroso am Verhandlungstisch Y, die die
Rolle der Außenministerin Rumäniens nicht nur inne hat, sondern
auch überzeugend auftreten, die Argumente pro EU- Beitritt, ebenso
so wie die ihrer Gegner kennen muss. Wohl in den meisten Schulen und VHS
fragt man sich, ob das überhaupt ernsthaft möglich sein kann.
Die Skepsis ist allenthalben groß: Planspiele? Bringen die denn
was? Viel zu aufwendig und zeitraubend! Das "bringen" die Teilnehmer
doch eh nicht. Und dann noch Europa als Thema. Alles viel zu komplex und
unüberschaubar. Europäischer Rat und Europarat und all das -
versteht doch keiner. Soll ja auch schon ein Bundeskanzler verwechselt
haben...
Der Rezensent ist aus eigener Lehrerfahrung überzeugt: Ja! Planspiele
"bringen es": Lern-Erfolg, sprich Einblick ins komplizierte
EUropa, Stärkung der Empathiefähigkeit, Training von Schlüsselkompetenzen,
wie Arbeitstechniken zur Informationserarbeitung, Teamfähigkeit und
sozialer Sensibilität. Bislang konnte aber in der Diskussion um Für
und Wider von Planspielen immer nur auf Einzelmeinungen und -erfahrungen
verwiesen werden.
Das ist von nun an anders: Rappenglück und die FGJE haben jahrelang
Planspiele quer durch die Republik durchgeführt und dabei fleißig
Meinungen erfragt und Daten gesammelt. Die Erhebungen können zwar
laut Autor keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Allerdings
sprechen die Ergebnisse und Meinungen von Planspiel- Teilnehmern für
sich. Die meisten Befragten geben an, dass sie etwas über das Thema
Europa gelernt haben. Persönliche Statements untermauern dies und
geben einen Eindruck von der Motivation der Spieler: "Ich habe mich
teilweise wirklich als Außenminister von Portugal gefühlt".
Mehr Empathie geht nicht.
Europa mit Bezug zur Lebenswelt. Europäische Komplexität verstehen
lernen. Stefan Rappenglück und sein Team haben in der Praxis längst
bewiesen, dass es geht. Mit seinem wissenschaftlichen Werk folgt nun die
theoretische Untermauerung der positiven Praxiserfahrungen. Wer sich in
Zukunft mit Simulationen und ihren Hintergründen beschäftigen
möchte, kommt nicht an diesem Buch vorbei.
Jochen Leyhe, Projektleiter im Institut für Internationale Zusammenarbeit
des DVV
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